Gefühle, die noch keine Worte haben

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Bündner-Herz – ehrlich unterwegs.

Heute spreche ich mit dir über etwas, das ich immer wieder beobachte.

Ich spüre etwas in mir.

Eine neue Situation.

Eine Stimmung.

Ein Gefühl.

Einen Eindruck.

Eine Ahnung.

Eine Veränderung.

Etwas bewegt sich.

Ich merke ganz klar: Da ist etwas.

Wenn mich jemand fragt: «Wie geht es dir?» oder «Was beschäftigt dich gerade?»,

«Wie gefällt es dir?» dann fällt mir auf, dass mir die Worte fehlen.

 

Nicht, weil nichts da ist. Sondern weil sich das, was da ist, noch nicht beschreiben lässt.

 

Ich nehme unglaublich schnell viel wahr.

Stimmungen.

Atmosphären.

Energien.

Kleine Veränderungen.

 

Manchmal sind sie ganz fein. Manchmal sehr deutlich.

Einige berühren mich sofort. Andere nehme ich einfach wahr, ohne dass sie viel auslösen.

automatisch beginnt in mir etwas.

Ich suche nach Worten.

Ich möchte verstehen.

Ich möchte benennen.

Ich möchte beschreiben können, was ich gerade fühle.

Nicht für eine Schublade. Nicht, damit alles erklärt ist.

Weil Worte für mich etwas Schönes sind – es mein Ausdruck ist, mein Element. Sie helfen

mir, meine innere Welt sichtbar zu machen.

 

Sie schaffen Verbindung. Sie ermöglichen Begegnung.

 

Und immer wieder merke ich:

Die richtigen Worte sind noch gar nicht da. Ich könnte zwar etwas sagen. Aber es fühlt sich

noch nicht ganz richtig an.

Nicht treffend.

Nicht vollständig.

Ich beginne ich zu suchen.

Ich erkläre.

Ich formuliere um.

Ich suche ein anderes Wort.

Noch einen Satz.

Noch ein Bild.

Und dabei merke ich, dass ich immer mehr Worte brauche, obwohl ich eigentlich nur ein

Gefühl beschreiben möchte.

Steckt dahinter vielleicht auch die liebe Ungeduld. Wenn ich etwas fühle, möchte ich es am

liebsten sofort ausdrücken können. Ich möchte, dass mein Gegenüber genau versteht, was

ich meine. Ich wünsche mir, dass keine Missverständnisse entstehen. Dass meine Worte

möglichst genau das widerspiegeln, was ich in mir wahrnehme.

 

Ist das überhaupt möglich?

 

Ich denke nicht ganz. Denn Worte sind keine Kopien unserer Gefühle. Sie sind

Übersetzungen. Übersetzungen unserer inneren Welt. Und wie jede Übersetzung können sie

etwas sehr gut treffen. Aber vermutlich nie alles. Denn jeder Mensch hört unsere Worte

durch seine eigene Geschichte. Durch seine Erfahrungen. Durch seine Bilder.

 

Vielleicht ist es deshalb gar nicht unsere Aufgabe, vollkommen verstanden zu werden.

Vielleicht genügt es, ehrlich zu beschreiben, was wir gerade wahrnehmen.

Ein weiterer Gedanke der mir durch den Kopf geht:

Vielleicht fehlen mir gar nicht die richtigen Worte. Vielleicht braucht das Gefühl einfach noch

Zeit. Vielleicht muss es erst reifen.

So wie eine Blüte nicht an dem Tag aufgeht, an dem die Knospe entsteht. Sie wächst.

langsam. Fast unbemerkt. Und irgendwann öffnet sie sich.

Ich glaube, mit unseren Gefühlen ist es oft ähnlich.

Wir möchten sie sofort benennen. Doch vielleicht möchten sie zuerst einfach da sein.

Vielleicht möchten sie erlebt werden. Vielleicht möchten sie sich in uns entfalten.

Plötzlich sind die Worte da, ohne grosses Suchen, ohne Druck. Weil das Gefühl bereit war,

sich zeigen zu lassen.

Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, dann erkenne ich das wieder.

Der Podcast war lange einfach ein Gefühl. Ein "Irgendwann möchte ich einmal..."

Noch ohne Plan.

Noch ohne Namen.

Noch ohne klaren Inhalt

Noch ohne Mikrofon.

und plötzlich ist er da und es macht so Freude – du hörst bereits die 40igste Folge – Hurra!

 

Der BLÜHEN-Prozess war zuerst nicht einfach eine Idee. Es war etwas, das sich langsam

gezeigt hat. Die Natur hat mir Bilder geschenkt. Erst später kamen die Worte.

Und genau deshalb denke ich heute, dass ich viel geduldiger und mehr im Vertrauen sein

darf. Nicht jedes Gefühl braucht sofort einen Namen. Nicht jede Veränderung muss sofort

erklärt werden. Nicht jede Antwort ist bereits da.

Manchmal genügt es, wahrzunehmen. Zu beobachten. Zu fühlen. Und dem Leben ein wenig

Zeit zu schenken.

Ich nenne es Prozess: das Warten. Das Aushalten, dass etwas noch keinen Namen hat.

Dass wir es noch nicht erklären können. Dass wir noch nicht sagen können: «Genau das ist

es.»

Ich merke, dass gerade darin meine grösste Übung liegt.

Vielleicht sind die Gefühle einfach noch dabei, ihre Sprache zu finden. Je mehr ich dem

Gefühl Zeit gebe, desto klarer wird es. Ich darf ihm zuhören, neugierig bleiben. Vertrauen in

mich und das Leben haben. Und irgendwann kommen die Worte fast von selbst.

Und vielleicht magst du dich nach dieser Folge einmal fragen:

Gibt es gerade etwas in deinem Leben, das du bereits fühlst, aber noch nicht beschreiben

kannst? Vielleicht genügt es, diesem Gefühl einfach einen Platz zu geben.

Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe.

Danke für deine Treue und dass du mich auf meinem Weg begleitest.

Bis zum nächsten Mal bei Bündner-Herz – ehrlich unterwegs.