Alles zu seiner Zeit

In den letzten Tagen war ich viel draussen unterwegs. Beim Spazieren oder ganz neugierig im Garten.

Und immer wieder entdecke ich etwas Neues.

Eine Blüte, die plötzlich da ist. Eine Pflanze, die vor kurzem noch ganz unscheinbar war.
Oder etwas, das langsam vergeht und kaum mehr sichtbar ist.

Denn die Natur erinnert mich an etwas, das «Alles hat seine Zeit.“

Jede Pflanze hat ihren eigenen Rhythmus. Ihre Zeit zu wachsen. Zu blühen. Sich zurückzuziehen. Und wieder neu zu entstehen.

Und nichts davon wirkt angestrengt.

Die Natur kämpft nicht gegen sich selbst. Sie vergleicht sich nicht. Sie versucht nicht, schon weiter zu sein, als sie gerade ist.

Das berührt mich deshalb so tief, weil ich in der Natur oft Erkenntnisse bekomme, die sich viel klarer anfühlen als alles, was ich mit dem Kopf verstehen möchte.

Es fühlt sich an nach Klarheit, ganz ruhig und ganz echt.

Dadurch merke ich immer mehr: Das Leben will vielleicht gar nicht immer nur verstanden werden.

Ich selbst versuche vieles mit dem Kopf zu greifen. Zu verstehen. Einzuordnen. Kontrollieren zu können.

Dieses ständige Denken. Dieses Gefühl, etwas antreiben zu müssen. Schneller eine Antwort zu brauchen. Das «ich will es jetzt». Schneller Klarheit finden zu wollen.

Gleichzeitig lernt es mich immer mehr, auf das zu hören, was ich fühle.
Oder vielleicht besser gesagt: es überhaupt erst wahrzunehmen.“

Nein, das ist nicht immer einfach und ich bin mir auch nicht immer bewusst darüber.

Fühlen bedeutet oft auch, langsamer zu werden. Still zu werden. In Verbindung mit sich zu sein.

Ich glaube, genau dort liegt etwas ganz Wesentliches. Alles, was in uns wirklich reif ist,
wird irgendwann sichtbar. Nicht dann, wann wir denken, sondern vielleicht so wie in der Natur.

Eine Blüte öffnet sich nicht früher, nur weil wir daran ziehen.

Je mehr ich die Natur beobachte, desto mehr erkenne ich diesen Rhythmus auch in meinem eigenen Leben.

Zum Beispiel in Beziehungen.

Manche Menschen begleiten uns nur für eine bestimmte Zeit.

Oft wollen wir festhalten. Verstehen, warum sich etwas verändert. Warum jemand geht.
Oder warum etwas nicht so bleibt, wie wir es uns wünschen.

Doch vielleicht hatte auch diese Begegnung einfach ihre Zeit.

Vielleicht war sie nicht dafür da, für immer zu bleiben — sondern dafür, uns etwas zu zeigen.
Uns wachsen zu lassen. Uns zu berühren.

Wir wollen bestimmte Gefühle festhalten und andere möglichst schnell loswerden. Aber vielleicht dürfen auch Emotionen einfach durch uns hindurchfliessen, ohne dass wir sie sofort verändern müssen.

Heilung liegt manchmal nicht im Wegdrücken — sondern im Zulassen.

Ich kenne dieses endlose Nachdenken so gut. Dieses Suchen nach der perfekten Antwort. Den gleichen Gedanken, tausendmal gedacht.

Wirklich wichtige Entscheidungen in meinem Leben wurden nicht klarer, je mehr ich analysiert habe, sondern dann, wenn ich still wurde. So, wie eine Blüte, die irgendwann ganz von selbst sichtbar wird.           

Vielleicht müssen wir nicht ständig alles forcieren. Nicht jede Antwort sofort kennen. Nicht immer schon weiter sein. Vielleicht dürfen wir lernen, unserem eigenen Rhythmus wieder mehr zu vertrauen.

Dem inneren Werden. Dem Reifen. Dem Fühlen.

Die Natur erinnert mich immer wieder daran, wie friedlich Leben sein kann, wenn nichts gedrängt wird. Vielleicht beginnt Ruhe genau dort:

Wenn wir aufhören, permanent alles verstehen zu müssen … und beginnen, uns selbst wieder zu spüren.“

Eben „Alles zu seiner Zeit.“